Ein Gang durch sechs Jahrhunderte.
Was war eigentlich vor Harry Potter? Was begeisterte, was lasen Kinder früher, was wurde Ihnen vorgelesen? Die Ausstellung „Neuer Korb voll Allerlei. Bücher für Kinder. Ein Gang durch sechs Jahrhunderte“ gewährt interessante Einblicke.
Die Ausstellung ist ein Novum. Erstmals stellen die beiden Städte Bad Kissingen und Schweinfurt gemeinsam aus. Die Kooperation erfolgt zwischen den Stadtarchiven Bad Kissingen und Schweinfurt, dem Museum Otto Schäfer Schweinfurt, den Sammlungen Hilla Schütze, Bad Kissingen und Paul Maar, Bamberg, unterstützt von der Internationalen Jugendbibliothek München.
Die Ausstellungsmacher konnten also aus dem Vollen schöpfen und hochkarätige Sammlungen sichten. Im Ergebnis können historische Kinderbücher von 1476 bis 1950 gezeigt werden - fünfhundert Jahre Schreiben und Illustrieren für Kinder.
Die Erforschung der Geschichte des Kinderbuchs, das früher nur als eine zusätzliche erzieherische Maßnahme gesehen wurde, hatte man lange Zeit ganz den Pädagogen überlassen. Die ersten Untersuchungen zur Kinderliteratur Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten daher meistens von ebendiesen Pädagogen, die in Deutschland in diesem Bereich Pionierarbeit leisteten, bis sich auch die Literaturwissenschaft des Themas annahm.
Eine ausreichend breite Dokumentation von Titeln deutschsprachiger Kinderliteratur seit dem 15. Jahrhundert ist jedoch noch lange nicht in Sicht. Viele Kinderbücher, die nur dem Titel nach bekannt sind, bekommen ja erst durch den Nachweis in einer Sammlung fassbare und beschreibbare Gestalt. Seinen Bestand an historischen zeigt das Otto Schäfer Museum in Schweinfurt.
Beginnend mit Albrecht Dürers 1510 gedrucktem Holzschnitt vom Schulmeister und seinen Schülern, der von einem Gedicht mit Anstandsregeln begleitet wird, zeigt die erste Abteilung der Ausstellung frühe Sittenlehren und Katechismen des 16. und 17. Jahrhunderts, sowie bedeutende theoretische Schriften und Kinderbücher der fortschrittlichen Pädagogen des 18. Jahrhunderts. Etliche Bücher dieser Gruppe stammen auch aus der bereits im späten 18. Jahrhundert begründeten Schweinfurter Lehrerbibliothek, die im Stadtarchiv Schweinfurt aufbewahrt wird.
Relativ früh setzte sich die Erkenntnis durch, dass man der Leselust von Kindern nicht mit Tischsitten und Verhaltensregeln beikommen konnte. Man musste ihnen etwas bieten, was ihre Neugier befriedigte und spannend zu lesen war. Daher stehen am Anfang der Kinderliteratur auch Volksbücher und Bearbeitungen von Fabeln, Tierepen und Heldensagen. Das älteste Buch der Ausstellung sind Aesops Fabeln von 1476. Das Volksbuch von „Kaiser Karolus Sohn, genannt Loher“ wurde 1514 gedruckt. Eine plattdeutsche Ausgabe des Reineke Fuchs stammt von 1539. Im 19. Jahrhundert kamen dann reich illustrierte Sachbücher für Kinder hinzu, eroberten sich Märchen und Kindergedicht einen festen Platz im Kinderbuch. Das Sachbuch, das in idealer Weise das kinderliterarische Prinzip der Zeit, „prodesse et delectare“, also Nutzen bringen und Freude machen, verwirklichen sollte, ist mit einigen prächtig illustrierten Ausgaben vertreten, unter anderen dem berühmten „Bilderbuch für Kinder“ des Verlegers Bertuch. In der Abteilung „Kinderlied und Kinderlyrik“ nehmen die Gedichte Friedrich Rückerts aus der "Sammlung Rückert" des Stadtarchivs Schweinfurt eine zentrale Stellung ein.
Nicht nur öffentliche Sammlungen, vor allem der Sammeleifer privater Liebhaber hat wesentlich zur Erschließung des historischen Kinderbuches beigetragen. Eine passionierte Sammlerin ist Hilla Schütze. Ihre umfangreiche, in über 40 Jahren zusammengetragene Sammlung illustrierter Kinderbücher des 19. und 20. Jahrhunderts wird im Alten Rathaus in Bad Kissingen gezeigt. Zahlreiche Ausgaben von Volks- und Kunstmärchen, darunter auch der erste Druck der Märchen der Brüder Grimm von 1812, sind zu bewundern. Abenteuerbücher und Reiseschilderungen, die im 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Literatur für Kinder und Jugendliche, vorzugsweise der Jungen, ausmachten, sind mit einigen markanten Beispielen vertreten, unter anderen eine frühe illustrierte Ausgabe von Karl Mays Jugendroman „Der Ölprinz“ (1897).
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt eine neue Gattung hinzu – das Bilderbuch. Dieser Bereich wird in vielen reizvollen Varianten bis weit hinein ins 20. Jahrhundert ausgebreitet. Es wird deutlich, dass das Bilderbuch nicht nur ein wichtiges Dokument vergangener Lebensweise ist, sondern sich bis zu anspruchsvoller Buchkunst hin entwickeln kann. Eine kleine Sonderschau ist Bilderbuchkünstlern aus Bad Kissingen und der näheren Umgebung gewidmet.
Die Ausstellung, die übrigens der Kinderbuchautor und Sammler Paul Maar aus Bamberg und die Internationale Jugendbibliothek in München mit einigen wertvollen Leihgaben bereichert haben, gibt dem Besucher nicht nur Gelegenheit, die Entwicklung des Kinderbuches von seinen Anfängen bis ins 20. Jahrhundert zu verfolgen. Vor allem wird er Freude haben beim (Wieder-)Entdecken unbekannter und vergessener Schätze der überraschend vielfältigen Welt des Kinderbuches. Zu dieser Ausstellung ist auch ein gleichnamiger Katalog erschienen.
Neuer Korb voll Allerlei
Bücher für Kinder. Ein Gang durch sechs Jahrhunderte
13. März bis 12. Juli 2009
Altes Rathaus Bad Kissingen
Montag – Freitag 9 – 17 Uhr
Samstag 9 – 12.30 Uhr
Sonntag/Feiertag 14 – 17 Uhr
Museum Otto Schäfer, Schweinfurt
Dienstag – Samstag 14 – 17 Uhr
Sonntag 10 – 17 Uhr
Eintritt für beide Ausstellungen
Erwachsene 3,- €
Kinder/Jugendliche/Studenten 1,- €
Schulklassen pauschal 20,- € oder 1,- €/Schüler