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Cyrill Kistler: Sein Leben: Komponist, Musikpädagoge, Verleger
Einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Kissinger gesellschaftlichen Szene im 19. Jahrhundert war Cyrill Kistler.

Cyrill Kistler

Einer schwäbischen Handwerkerfamilie entstammend, wurde Kistler am 12. März 1848 in Großeitingen bei Augsburg geboren. Seine Prädestination, die handwerkliche Familientradition fortsetzen zu wollen, erwies sich für ihn als Sackgasse: Kistler war nur an der Musik interessiert.

Seinen ersten Musikunterricht erhielt der junge Cyrill mit acht Jahren, dazu gesellte sich Geigenunterricht. Über den pragmatisch-autodidaktischen Weg lernte er das Instrumentalspiel auf Trompete, Posaune, Pauke und Klavier. Kistler wollte Musiklehrer werden. Nach einem Interludium als Schüler am Gymnasium in Augsburg und anschließend an der Präparantenschule in Schwabmünchen,  fand Kistler Aufnahme im Lauinger Lehrerseminar. Die Zeit zwischen 1867 und 1873 sah ihn als Schullehrer und Schulverweser an zwölf Orten.

Am Ende dieser Phase fand Kistler durch die Heirat mit einer reichen Jüdin neue, bis dahin unerreichbare Möglichkeiten: 1875 konnte er seinen Schuldienst quittieren und das Musikstudium an der königlichen Musikschule in München aufnehmen. Auch die Vorzüge nach den Jahren in der schwäbischen Provinz nun in exklusiver Münchener Wohnlage logieren zu können, wusste Cyrill Kistler zu schätzen. Prägend wurde nun seine Studienzeit bei Josef Reinberger und Franz Lachner, und insbesondere die Auseinandersetzung mit Wagner-Werken über den neu gegründeten Richard Wagner Verein in München. Der enthusiastische Wagnerianer Kistler war auch einer der ersten, die Wagners Musiksprache theoretisch-systematisch in einer Harmonielehre erfasste. Neben der Musikpraxis war für Ihn darin das zweite Standbein, die Musikpädagogik, gefunden.

Cyrill Kistler als reinen Wagnerepigonen abzustempeln, hieße das kompositorische Potential Kistlers zu unterschätzen: gerade seine Opernstoffe aus der germanischen Mythologie wie z.B. Kunihild und der Brautritt auf Künast oder Baldurs Tod leitet diesem Schubladendenken Vorschub. Andererseits begründeten die Aufführungen gerade dieser Kistler-Opern an den großen Opernhäusern seine überregionale Bedeutung als Komponist. Ein Rezensent aus Düsseldorf nannte Kistler gar in einer Reihe mit den Komponisten Hans Pfitzner und Richard Strauss: „Das sind die drei meist geschmähten, meist bewunderten und belobten Komponisten Deutschlands“. Verlegerisch wurde Cyrill Kistler mit Gründung seines Verlages „Musikalische Tagesfragen. Zeit- und Streitschrift fürs öffentliche Leben, Musiker, Musikfreunde und für Freunde der Wahrheit“ tätig. Über zwölf Erscheinungsjahre hinweg erreichte diese Zeitschrift Leser nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Frankreich, England und den USA. Für den Schriftsteller Cyrill Kistler war dieses Publikationsorgan eine Ideale Plattform für seine eigenen originären, originellen und geistreichen, ja teilweise auch sehr spitzen Beiträge.

Mit der Gründung einer eigenen Musikschule in Bad Kissingen wurde Cyrill Kistler unternehmerisch tätig. Abgedeckt wurden an seiner Musikschule die Fächer Violine, Klavier, Harmonium, sowie Harmonie- und Formenlehre, Instrumentation und Musiktheorie. Die Möglichkeit zur Teilnahme an Chor und Orchester verband die theoretischen und solistischen Schulungsinhalte mit einem musikalisch-praxisbezogenen Ansatz – durchaus moderne Ansätze zum Zeitpunkt des Ausklang des 19. Jahrhunderts. Gerade auf diesem Feld der Musikpädagogik war Kistler seinen Zeitgenossen voraus. Grundvoraussetzung war für ihn die Einsicht, dass die Grundlage einer qualifizierten musischen Ausbildung ein qualifizierter Unterricht sein muss, der nur mit fachlich ausgebildeten Lehrern zu garantieren ist.  Diesen Ansatz vertiefte Kistler nicht nur in seinen musikpädagogischen Schriften, sondern auch in dem konzeptionell völlig neuartigen „Volksschullehrer-Tonkünstler-Lexikon“. Hier trug Kistler die Biographien bedeutender Musiker aus der Musiklehrerschaft zusammen.

1878 von seiner ersten Frau geschieden heiratete Cyrill Kistler 1882 die 1861 in Südafrika geborene Marie von Crompton; dieser Ehe entstammten drei Kinder, von denen zwei dem Kindesalter entwuchsen. 1885 übersiedelte Cyrill Kistler nach Kissingen. Neben seinen schriftstellerischen, musikpädagogischen und verlegerischen Tätigkeiten, seiner umfangreichen Korrespondenz mit den musikalischen Größen seiner Zeit wurde Kistler auch ein Exponent des gesellschaftlichen Lebens in Bad Kissingen. Im Nachruf der Saale-Zeitung zum Tod von Cyrill Kistler am 1.November 1907 in Bad Kissingen, war zu lesen: „Am Stammtisch, im Freundeskreise war Kistler ein fideler Gesellschafter, der sich sehr lebhaft und mit drastischem Witz an den Debatten beteiligte. Möge ihm die Anerkennung, um die er vierzig Jahre lang gerungen, nach seinem Tode werden: der Lorbeer der Unsterblichkeit. Kistler verdient es, zu Deutschlands großen Meistern gezählt zu werden“.

Oder ein anderer Zeitgenosse „Wo es Freude und ungeschmälerten Lebensgenuss gibt, beim Glase Gerstensaft oder Rebenblut, da ist Kistler einer der Fröhlichsten und als solcher in seinem Kreise verbannt der die Sorgen und Grillen, wenn nicht zufällig ihm Jemand auf die Hühneraugen tritt ... Da ist es aus mit der Gemütlichkeit, der furor teutonicus stellt sich ein und Kistler spricht im Lapidarstyl.“

Von zahlreichen Kompositionen Kistlers sind heute nur noch wenige der Öffentlichkeit bekannt; Kistler Werke gelangen sehr selten zu Aufführung. Kistler blieb aber dennoch unvergessen und rückt zunehmend in das Interesse der Musikwissenschaft - nicht als Wagner-Epigone, sondern als Komponist und Musikpädagoge: Ein großer Wunsch Kistlers ging somit doch noch in Erfüllung.

Ein Beitrag von Peter Weidisch in:
Ahnert, Thomas/Weidisch, Peter (Hrsg.), 1200 Jahre Bad Kissingen. Facetten einer Stadtgeschichte, Bad Kissingen 2001, S. 286 - 288.

Cyrill Kistler - Das Buch

Über den bei Augsburg geborenen und in Bad Kissingen gestorbenen, wohl berühmtesten Komponisten unserer Stadt, Cyrill Kistler, ist im Rahmen der Bad Kissinger Archiv-Schriften, nach Otto von Botenlauben, ein weiterer Band im Entstehen.

Autorin des Buches ist Frau Dr. Claudia Breitfeld. Mit dem Erscheinen dieses 2. Bandes der Bad Kissinger Archiv-Schriften ist im Jahr 2007 zu rechnen.
 


 
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