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Das Phänomen "europäische Kurstadt"

Wenigstens bis zum Ersten Weltkrieg spielten Kurbäder im Leben breiter Schichten der europäischen Gesellschaft eine große Rolle. Zur Kur fuhr man, um Krankheiten vorzubeugen, zu heilen und um sich davon zu erholen.

In Kurorte fuhr man aber auch, um Heiratskandidaten für die Töchter zu suchen, sich mit Freunden zu treffen oder um das kulturelle und das Vergnügungsangebot zu genießen. Um 1900 gab es in Europa eine Vielzahl größerer und kleinerer Kurorte für alle Zwecke und für alle Geldbeutel.

Die größten hatten Weltruf und zogen jährlich Tausende von Menschen an. Auf den ersten Blick verschieden, haben sie die gleiche Struktur, entwickelten sich gemeinsam und in Konkurrenz nach einem gemeinsamen Leitbild. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gab es einen Typus „europäische Kurstadt“.

Dieser Stadttypus soll zur Nomination für das Weltkulturerbe vorgeschlagen werden. 11 europäische Kurorte, Karlsbad, Marienbad, Franzensbad in Tschechien, Bad Kissingen, Baden-Baden und Bad Ems in Deutschland, Bath in Großbritannien, Spa in Belgien, Vichy in Frankreich, Montecatini Terme in Italien, Baden bei Wien in Österreich wollen sich unter der Federführung von Tschechien gemeinsam um eine Aufnahme in die UNESCO-Liste bewerben. Sie verkörpern sowohl im Ganzen als auch in herausragenden Einzelpunkten in besonderer Weise diesen Kurstadt-Typus, haben zu seiner Entwicklung beigetragen und ihn bis heute vorzüglich erhalten.

Die europäische Kurstadt weist neben dem Kurviertel ein oder mehrere Villenviertel und ein Versorgungsviertel mit Geschäften und Handwerksbetrieben sowie ein breites Angebot an Dienstleistungen auf. Ein besonderes Merkmal ist die hohe Bedeutung, die „das Grün“, nämlich Kurgärten und Kurparks, spielt. Die die Stadt umgebende Landschaft ist in vielfältiger Weise für den Kurbetrieb nutzbar gemacht. Sie ist durch Promenadewege erschlossen, besondere Punkte sind mit Tempeln und anderen Kleinarchitekturen geziert, an den Wegen befinden sich häufig Denkmäler und Ausflugsgastronomie. Die Kurstadt verfügt bei relativer Kleinheit über die Infrastruktur einer Großstadt, ja ist mitunter früher als jene mit Elektrizität und einer geregelten Wasser- und Abwasserversorgung versehen gewesen. Sportangebote spielen eine große Rolle, Golf, Tennis, Reiten, Jagen, Fischen und natürlich Vergnügungs- und Unterhaltungsangebote wie Kurmusik, Kurtheater, Tanzabende und die Möglichkeit des Glücksspiels. Kurstädte huldigen den neuesten technischen Entwicklungen, bieten Telefon und Telegraf oder Hauslifte, sind an das Eisenbahnnetz angeschlossen… Kurstädte mutierten deshalb zu den ersten Touristenorten – an manchem Bad überstieg schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Zahl der „Passanten“ jene der veritablen Kurgäste.

Die Badeorte der Bewerbergruppe verfügen darüber hinaus über viele architektonisch außergewöhnliche Gebäudegruppen und Einzelgebäude, die in Zusammenhang mit dem Kurbetrieb entstanden sind wie Kurhäuser, Trinkhallen, Wandelgänge, Badehäuser.

Bad Kissingen verkörpert in herausragender Weise diesen Typus der europäischen Badestadt, ja mehr noch: Bad Kissingen ist in der Bewerbergruppe das Musterbad für die Zeitstellung des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Struktur und die Details sind bestens erhalten und gepflegt. Dem zukünftigen Welterbe-Reisenden kann dies in besonders eindringlicher Weise vermittelt werden.

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