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Bad Kissingen gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

„Wider das Vergessen“, lautet die Überschrift, insbesondere am 9. November. In stillem Gedenken erinnert Bad Kissingen an die Novemberpogrome und die Reichspogromnacht des Jahres 1938.

Das NS-Regime hatte damals Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland organisiert bzw. gelenkt. Mehrere hundert Juden wurden ermordet, Synagogen, Betstuben, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. In Bad Kissingen zündete ein Mob die Neue Synagoge an. Trotz reparabler Schäden wurde diese 1939 abgerissen. „Die Reichspogromnacht stellt den Übergang von der Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich zur systematischen Verfolgung und schließlich deren Vernichtung dar – auch in Bad Kissingen.“, so Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel bei einem stillen Gedenken mit Kranzniederlegung am jüdischen Gebetshaus. Juden wurden inhaftiert, in Konzentrationslager und Vernichtungslager verbracht, ermordet. Die jüdische Gemeinde in Bad Kissingen zählte einst zu den zehn größten Bayerns. Mit der Deportation der letzten jüdischen Bürger aus Bad Kissingen im Jahr 1942 wurde eine jahrhundertelange Tradition jüdischen Lebens in unserer Stadt durch das NS-Regime brutal zerstört. In der Kurstadt wird ganzjährig und mit verschiedenen Maßnahmen den Opfern des NS-Terrors gedacht.

„Denkort Deportationen“
Hintergrund des Projekts ist, dass von Würzburg aus der Großteil der aus Unterfranken deportierten Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager abtransportiert worden war. Die Stadt Bad Kissingen, hier federführend das Kulturreferat, ist am Projekt „Denkort Deportationen“ beteiligt und wird zwei Gepäckrollen, die von Schülerinnen und Schülern der Berufsschule Bad Kissingen in Holz ausgeführt wurden, in das Projekt einbringen. Eine Gepäckrolle wird in Bad Kissingen und eine weitere Gepäckrolle am „Denkort Deportationen“ am Hauptbahnhof in Würzburg aufgestellt werden. Coronabedingt mussten die Denkort-Enthüllungen in Bad Kissingen und Würzburg auf Frühjahr/Frühsommer 2021 verschoben werden.
„Bad Kissinger Stolpersteine“
„Bad Kissinger Stolpersteine“ ist eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern der Kurstadt. Im Februar 2009 hat sich ein Plenum aus engagierten Bürgerinnen und Bürgern Bad Kissingens gebildet. Stolpersteine werden vor der jeweils letzten frei gewählten Wohn- oder Wirkungsstätte zum Gedenken an jene Opfer des Nazi-Regimes verlegt, die ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Freitod getrieben wurden. 74 Stolpersteine wurden bis heute in Bad Kissingen verlegt. Die Finanzierung der Stolpersteine erfolgt ausschließlich privat, durch Patenschaften und Sponsoren.
„Biografisches Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit“
Das „Biografische Gedenkbuch der Bad Kissinger Juden während der NS-Zeit“ soll die Erinnerung wachhalten an möglichst viele jüdische Bürger und Familien, die hier gelebt haben und das Leben in unserer Stadt geprägt, belebt und bereichert haben. 
Rudolf und Marlies Walter haben nach mehrjährigen aufwändigen Recherchen ein Online-Gedenkbuch erstellt, das inzwischen über 600 Kurzbiografien aufweist. Anders als in vielen Gedenkbüchern anderer Städte wird nicht nur an die Shoaopfer erinnert, die in den Vernichtungslagern ermordet worden waren, sondern ganz bewusst auch an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die sich durch Flucht und Emigration der Vernichtung entziehen konnten und überlebt haben. „Durch das digitale Format ist das Gedenkbuch nicht statisch, sondern kann ständig weiterentwickelt und fortgeschrieben werden. Neue Erkenntnisse, die beispielsweise auch aus internationalen Recherchen stammen, können somit in das Gedenkbuch einfließen“, hebt Abteilungsleiter „Soziale Infrastruktur“ Kulturreferent Peter Weidisch hervor. Soweit möglich werden Lebensläufe und Schicksale rekonstruiert, um – häufig auch mit Fotos und Dokumenten – ein lebendiges Bild der Personen entstehen zu lassen. Es ist zu finden unter www.biografisches-gedenkbuch-bk.deexterner Link.
„Jüdische Kulturtage“
In Kooperation mit dem Landkreis Bad Kissingen finden alle zwei Jahre die „Jüdischen Kulturtage“ in Bad Kissingen und Landkreisgemeinden statt. In 2020 stehen noch Veranstaltungen der „Jüdischen Kulturtage“ an, vorbehaltlich der aktuellen Corona-Lage.
In 2022 feiern die Jüdischen Kulturtage 20jähriges Bestehen. Es wird wieder landkreisweite Veranstaltungen geben. Die „Jüdischen Kulturtage“ sind in Qualität und Umfang eine Besonderheit weit über Bad Kissingen und die Region hinaus. Die Jüdischen Kulturtage informieren über zentrale Grundlagen der jüdischen Religion und Kultur, thematisieren die wechselhafte deutsch-jüdische Geschichte und das jüdisch-christliche Verhältnis, treten ein für Toleranz und Verständigung.

Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Bad Kissingen“
Im Jüdischen Gemeindezentrum trägt die Stadt Bad Kissingen die Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Bad Kissingen“. Diese wurde von Lehrern und Schülern des Jack-Steinberger-Gymnasiums gestaltet, über die Jahre immer wieder aktualisiert und mit Themenschwerpunkten erweitert. Besucher können sich einen Überblick über die Geschichte der Kissinger Juden vom 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart verschaffen. Die Ausstellung zeigt die wichtigsten Gemeindeeinrichtungen (Synagogen, Vereine, Friedhöfe), eröffnet einen Einblick in das jüdische Leben der Stadt, zeigt den wachsenden Antisemitismus in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik auf und geht auf die Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung der Kissinger Juden in der NS-Zeit ein. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Einzelschicksale Bad Kissinger jüdischer Familien. Eine Vielzahl von Judaia veranschaulicht das religiöse jüdische Leben. Im Keller verdienen die ehemalige Mikwe (das rituelle Tauchbad) sowie eine rekonstruierte Laubhütte besondere Beachtung.