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Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel äußert sich in einem offenen Brief an die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) zum aktuellen Stand der Verhandlungen

Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel hat am 8. Oktober 2021 in einem offenen Brief die Sichtweise der Stadt Bad Kissingen zu den derzeit laufenden Verhandlungen über Änderungen in den Vertragsmodalitäten der Musikerinnen und Musiker der Staatsbad Philharmonie Kissingen (Kurorchester) dargelegt.

Sehr geehrter Herr von Olshausen,

die DOV organisiert, inszeniert und skandalisiert seit Wochen und Monaten bundesweit eine Kampagne gegen die Stadt Bad Kissingen. Sie findet nun einen vorläufigen Höhepunkt an diesem Wochenende, an dem Orchester aus Deutschland für sogenannte Solidaritätsbekundungen anreisen. Die nicht enden wollenden Angriffe gegen uns verlangen eine grundsätzliche und öffentliche Antwort.

Feststellung Nummer 1:Es gibt keine skandalösen Arbeitsbedingungen bei der „Staatsbad Philharmonie Kissingen“ – im Gegenteil.

Ich habe eingeräumt, dass in der Kritik an den Arbeitsbedingungen und der Gehaltshöhe einige berechtigte Punkte enthalten sind. Daraufhin haben wir ein Maßnahmenpaket konzipiert, dass angemessene Lösungen auf die tatsächlichen Probleme gibt – es kann sich sehen lassen.


•   Wir haben eine Stundenreduktion der wöchentlichen Arbeitszeit von 25% vorgenommen, auf nun 30 Stunden pro Woche.

•   Wir haben eine Gehaltssteigerung des Gesamtorchesters (ohne Leitung) von durchschnittlich 10,09% vorgenommen; ein „normales“ Orchestermitglied steigert sich um 7,25%.

•   Wir bieten Neueinstellungen im Orchester ein Bruttogehalt von rd. 3.171,43 €, bei einer ledigen Person ohne Kinder liegen wir so bei rd. 2.100 € netto (je nach übernommener Zusatzaufgabe). Nach 10 Jahren erhöht sich dieses Gehalt auf 3.300 € pro Monat, so dass beispielsweise ein verheirateter Musiker oder eine verheiratete Musikerin bei 2.435,32 € netto liegt.

•   Gleichzeitig haben wir in Aussicht gestellt, dass zukünftig Tarifsteigerungen im TV-L übernommen werden.

Ich kann Ihnen versichern, viele Menschen, nicht nur in Bad Kissingen, würden sich nach solchen Arbeitsbedingungen sehnen.

Wir halten fest: Wir liegen mit durchschnittlich 3.171,43 € (Grundgehalt: 3.000€) über dem von Ihnen genannten Gehalt im TVK D mit 2.930,55 €. Wir unterscheiden uns in der Höhe der Steigerung – und da beginnt der Punkt, ab dem wir schlicht „nein“ sagen müssen.

Wir haben ein historisches Jahr hinter uns: Nur mit einem hohen finanziellen Zusatzaufwand aus Steuergeldern der Gesellschafter, der Stadt Bad Kissingen und des Freistaats Bayern, konnten betriebsbedingte Kündigungen bei der Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH vermieden werden. Dazu gehören auch die Arbeitsverhältnisse der „Staatsbad Philharmonie Kissingen“. Wir können keinen Tarifvertrag von heute auf morgen anwenden, der uns Mehraufwendungen in Höhe von ca. 200.000 € pro Jahr verursachen würde – zumal dieser auch gar nicht der richtige für die intendierte Konzeption unseres Orchesters ist.

Feststellung Nummer 2: Wir haben grundsätzlich unterschiedliche Interpretationen von der Geschichte, der aktuellen Zielsetzung und der zukünftigen Ausrichtung des Kurorchesters.

Die Tradition der „Großen Orchester“ und der „großen Konzerte“ in Bad Kissingen wird durch das Festival Kissinger Sommer auf höchstem Niveau in der Gegenwart fortgesetzt. Seit 1980 haben wir ein ganzjähriges Kurorchester in Festanstellung. Historisch gesehen ist deswegen die zentrale Aufgabe des Kurorchesters Bad Kissingen die musikalische Unterstützung der Trinkkur: Therapie und Muße, Unterhaltung und Förderung der Geselligkeit. Das – möglichst tägliche – Vormittags- und das Nachmittagskonzert des Kurorchesters ist dabei konzeptionell essenziell. Hier kommen nicht nur die musikalischen Aspekte eines Konzertes zum Tragen, sondern die Bedeutung der Musik an einem und für einen Gesundheitsstandort. Dieser Ansatz hat nichts an Aktualität und Bedeutung eingebüßt, im Gegenteil ist heute nachgerade wieder innovativ-aktuell: Entschleunigung, Steigerung der Resilienz, „Erbauung“ durch Musik und „Hebung der Stimmung“. Die Vormittags- und Nachmittagskonzerte sind die einzigen Zeiten, zu denen viele Gäste zusammenkommen und sich austauschen können. Auch dies ist zentraler Aspekt der Trinkkur und der gesellschaftlichen Komponente eines Weltbades.

Wir erwarten deswegen grundsätzlich 13 Konzerte (je Konzert 1 Stunde), damit diese historische Funktion erfüllt wird. Wir erarbeiten aktuell in einer Arbeitsgruppe, wie die Verteilung der Stunden noch mitarbeiterfreundlicher, gästeorientierter und innovativer ausgestaltet werden können. Sie versuchen zwar diesen Prozess der Einigung zum Erliegen zu bringen. Für uns bleibt das Gespräch mit unserem Orchester das Mittel der Wahl.

Kurorchester und Qualitätsanspruch schließen sich zwar nicht aus. Aber wir gehören nicht zu dem „professionellen Orchester und Kammerorchester“, auf die ihre Tarifverträge ausgerichtet sind und Ihr Geschäftsführer Herr Mertens selbst von Kurorchestern unterscheidet. Er hält dazu in seiner Abhandlung „Orchester, Rundfunkensembles und Opernchöre“ fest (Seite 193):

„Die Zahl der Kurorchester schließlich, die bis in die 1970er Jahre immer eine wichtige Durchgangsstation für Musikstudent*innen und junge Berufsmusiker*innen waren, ist auf eine kaum noch wahrnehmbare Zahl zurückgegangen. Aus Kostengründen engagieren viele Kurbäder kleine Formationen – vorwiegend aus Osteuropa – nur noch für eine Saison“.

Hieran wird deutlich, dass wir in Bad Kissingen einen besonderen Weg gegangen sind. Wir haben an dauerhaften Festanstellungen, aber eben auch an der Funktion des Kurorchesters, festgehalten. Warum Sie also in einem Segment, dass Sie selbst als „eine kaum noch wahrnehmbare Zahl“ quantifizieren, so verbissen festhalten, kann ich mir nur erklären durch die unterschiedliche Auslegung über die Funktion des Orchesters. Die Umbenennung des Kurorchesters Bad Kissingen in „Staatsbad Philharmonie Kissingen“ war symbolisch für manche anscheinend die Abkehr von der historischen Funktion des Kurorchesters in eine Arbeitsidentität und Orientierung in Richtung des oben definierten Typus eines „professionellen Orchesters und Kammerorchesters“.

Wenn der Weg und die Strategie der „Staatsbad Philharmonie Kissingen“ zu Personalmehrungen zwangsläufig führen muss, dann ist er nicht umsetzbar und wird sehr kritisch geprüft werden müssen. Zu keinem Zeitpunkt haben die Gesellschafter eine Steigerung der finanziellen Mittel in Aussicht gestellt und eine andere Erwartung an das Kurorchester formuliert, als die oben dargelegte. Selbstverständlich legen wir als Gesellschafter und Arbeitgeber mit dem Freistaat in Bad Kissingen die Ausrichtung fest – und nicht Sie in Berlin.

Feststellung Nummer 3: Sie leisten den Kulturschaffenden in Deutschland einen Bärendienst.

Sie fahren in Bad Kissingen eine Rhetorik und eine Aktivität auf, als würden wir die Mitarbeiter fristlos entlassen. Sie mobilisieren die Kulturredaktionen dieser Republik, die zum Teil faktenfrei vollständig ihre Argumentation übernehmen und unsere Stadt diskreditieren. Sind Sie wirklich bei uns an der richtigen Adresse? Sollten Sie sich nicht um Kulturtreibende kümmern, die von Auftrag zu Auftrag hetzen müssen, ohne Netz und doppelten Boden, erst Recht nach Corona? Welcher öffentliche Arbeitgeber oder welche öffentlich gegründete GmbH haben noch Lust, ein Orchester dauerhaft zu beschäftigen, deren Mitglieder neun Stunden pro Woche arbeiten sollen, aber am Ende verdienen sollen wie ein Amtsleiter im öffentlichen Dienst? Vernichten Sie mit ihren Forderungen nicht potenziell gute Arbeitsplätze?

Sie wissen ganz genau, dass Ihre Forderungen nicht realistisch sind. Deswegen haben Sie zahlreiche Haustarifverträge abgeschlossen, die vermutlich sogar ein ganzes Stück weit schlechter sind, als unsere Gehälter. Aber die sind ja auch nicht auf Ihrer Webseite ersichtlich und werden auch nicht kommuniziert.

Es geht am Ende nicht um unser Orchester, sondern nur darum, dass Sie die Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen in einer schrumpfenden Branche. Wie Herr Mertens selbst schreibt, ist die Zahl der Planstellen in öffentlich finanzierten Orchestern von 1992 bis 2018 um rd. 20% gesunken.

Aktuell tun Sie alles dafür, dass dieser Trend sich leider fortsetzt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Dirk Vogel