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Pressemitteilung der Stadt Bad Kissingen, 14.11.2021

Volkstrauertag 2021

Hier finden Sie Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogels Rede beim zentralen Gedenkakt zum Volkstrauertag auf dem Parkfriedhof.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin in den 80er und 90er Jahren des vorherigen Jahrhunderts in Bad Kissingen aufgewachsen als Enkel von zwei Großvätern, die beide im zweiten Weltkrieg als Soldaten der deutschen Wehrmacht waren. Dass jemand „im Krieg“ war und „vom Krieg“ erzählen konnte, war zur damaligen Zeit normal. Die autobiografischen Erzählungen über einen selbst erlittenen Lungensteckschuss in Russland, über sogenannte Partisanenjagden in der Ukraine und den Bunkerstürmen, die einher gingen mit dem Tod der Mehrheit der Einheit, mündeten nicht nur bei mir in ein Geschichtsinteresse und -verständnis über den zweiten Weltkrieg bis heute. Wir verabschieden in diesen Jahren die letzte Generation, die einen Weltkrieg erlebt hat und uns davon erzählen konnte. Damit entsteht, gerade auch für die Volkstrauertage, an denen wir den Kriegstoten und den Opfern von Gewaltherrschaft gedenken, die große Aufgabe, eine ähnliche Sensibilität für die neuen Generationen zu erzeugen. Sie wird besonders schwierig werden. Wir wissen zwar, dass ca. 60 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind. Es wird aber schwierig sein, allein mit diesen großen, abstrakten und historischen Zahlen die grausame Mechanik eines Kriegs zu begreifen.

Die Historiker Sönke Neitzel und Harald Welzer griffen 2011 in Ihrer Studie „Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ auf 150.000 Seiten Abhörprotokolle Deutscher Kriegsgefangener zurück. Die Protokolle offenbaren, wie der Krieg systematisch das Menschliche austreibt und verändert. So berichtet ein Oberleutnant der Luftwaffe einem Kameraden: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschließen.“ Ein anderer schildert davon, dass es zum „Vorfrühstücksvergnügen“ gehörte, Soldaten und „Leute“ mit Maschinengewehren „durch die Felder zu jagen“. Dass dieses Phänomen keines der deutschen Soldaten im zweiten Weltkrieg, sondern eines des Kriegs ist, zeigen die Forscher später in einem Vergleich, als sie die Protokolle der US-amerikanischen Soldaten veröffentlichen, die 2007 in Bagdad eine Gruppe von acht Zivilpersonen ohne Grund erschossen haben, nachdem sie Waffen, die nicht da waren, scheinbar erkannten und das Ziel zerstörten. Die Bilanz der Soldaten: „Hübsch. Guter Schuss. Danke“. Hat ein Krieg erstmal begonnen, wird der Mensch zur Maschine. Wenn wir uns mit einem Krieg beschäftigen, ist es schon zu spät.
Wer Krieg verhindern will, darf sich nicht mit dem Krieg selbst befassen, sondern muss einen Schritt vor der Entstehung der Kriege handeln. Denn es waren eben nicht allein Adolf Hitler und eine Naziclique, die den Nationalsozialismus an die Macht gebracht und gehalten haben. Der Boden dieser Herrschaft waren ein Mangel an Demokratiebekenntnis der meisten politischen Parteien und Bewegungen, ein Wohlstandmangel in der Weimarer Republik und ein ausgeprägter, im übrigen gesamteuropäischer, Antisemitismus, der so viele „willige Vollstrecker“, wie es Goldhagen nannte, produzierten. Es entsteht für eine bestimmte Zeit immer die Führung an der Spitze eines Landes, die zu den Wünschen und Vorstellungen einer breiten Mehrheit passt.

Wir beruhigen und rühmen uns unserer stabilen Demokratie und unserer scheinbar rationalen Politik und Politiker, gerade auch im Vergleich zu Teilen Osteuropas, wo wieder autoritäre Politiker und Politiken entstanden sind, die unserem Raster einer demokratischen Führung nicht entsprechen. Ja, es stimmt, dass seit der Annexion der Ukraine durch Russland im Selbstverständnis des Europas nach dem 2. Weltkrieg grundsätzliche Absprachen wieder in Frage gestellt wurden. Aber auch wir im Westen haben Hausaufgaben: Der Sturm auf das Kapitol in Washington oder auch der Versuch eines solchen auf den Reichstag in Berlin führten uns in Deutschland vor Augen, dass auch bei uns die Fliehkräfte zugenommen haben. Wir aber lassen die Kräfte, die an der Zersetzung unseres bundesrepublikanischen Demokratiemodells arbeiten, weiterwirken.

•   Sei es aus dem linken oder progressiven Spektrum, wo übertriebene identitätspolitische Diskurse und Debatten ideologisiert nach Deutschland eingeführt werden, die eine Welt in Täter und Opfer konstruiert.


•   Sei es aus dem rechten Spektrum, in dem die Sprache ver-„trumpt“ und die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in dünner besiedelten und wirtschaftlich weniger erfolgreichen Regionen unseres Landes Jahr für Jahr steigt.


•   Sei es in den Medien, die im Wettbewerb auf noch mehr Skandale setzen, an deren Ende immer ein Schuldiger steht, am liebsten ein Politiker, um gegen die sozialen Medien zu bestehen.

Diese Auflistung zeigt den Handlungsbedarf zum Erhalt unserer Demokratie. So wie der Schrecken in der Vergangenheit liegt, so liegt auch ein Teil der Antworten in der jüngeren Vergangenheit. Die Bundesrepublik schaffte es mit ihrem repräsentativen Demokratiemodell Wohlstand und Demokratie sehr gut miteinander zu verbinden. Es war und ist ein Modell, das auf Einbindung, Ausgleich und Kompromiss setzt. Das war zwar nicht spektakulär, aber sehr erfolgreich zum Erhalt einer stabilen Ordnung.

Wir brauchen wieder demokratische Parteien und Politiker, die stellvertretend für die Bevölkerung Richtungsdebatten führen, um so gesellschaftliche Konflikte in das politische System zu bringen und auf Dauer gesellschaftlich tragfähige Kompromisse auszuhandeln. Wir müssen uns kritisch fragen, ob die Forderung nach direktdemokratischen Elementen wirklich das Allheilmittel für alle politischen Probleme ist.

Wir brauchen sogar noch stärkere öffentlich-rechtliche Medien, ich sage bis auf die Lokalebene, die Fakten und Meinung sauber voneinander trennen als Gegenpol zur Individualhysterie der sozialen Medien.

Die vielen Opfer der Weltkriege der vergangenen Jahrhunderte verlangen es von uns, dass wir uns heute ernsthaft darum bemühen, die Grundlage für Frieden zu erhalten. Und diese Grundlage ist eine funktionierende Demokratie. Diese große Aufgabe, dieses Update der Demokratie in Deutschland ist nun unsere Aufgabe, meiner Generation, die nicht wie unsere und meine Großväter mit Anfang 20 in eine Katastrophe geschickt worden sind.